Worringen: Vom römischen Heiligtum bis zum Mädchengrab der Merowingerzeit

Beim Jubiläumsabend des Bürgervereins hielt Dr. Markus Trier einen spannenden Vortrag zur Worringer Ortsgeschichte. Diesen Vortrag drucken wir für alle Interessierten in Kurzform hier ab.

(Mit einer Auflösung von 1024x768 passt der Artikel ganz auf den Bildschirm)

Aus Worringen und seiner Umgebung sind zahlreiche ur- und frühgeschichtliche Fundstellen bekannt. Die dichte Besiedlung der Landschaft seit der Jungsteinzeit ist auf die fruchtbaren Hochflutlehme und die Nähe zum Rhein zurückzuführen.

Feuersteinartefakte des Mesolithikums zeigen, dass der Worringer Raum schon zwischen 8.000 und 5.500 v.Chr. von Menschen aufgesucht wurde. Die ältesten Spuren sesshafter Verbände datieren um 4000 v.Chr., wie Grabfunde belegen, die bei den Ausgrabungen auf dem Blumenberg ans Tageslicht kamen. Während der späten Bronze- und älteren Eisenzeit scheint die Zahl der Siedlungen erheblich zugenommen zu haben. In dieser Epoche, die etwa zwischen 1000 und 500 v.Chr. einzuordnen ist, lagen auf den Geländekuppen kleine Gehöfte, deren Bewohner auf den umliegenden Nutzflächen Ackerbau und Viehzucht betrieben.

Eine größere Zahl römischer Fundstellen zeugt von der Bedeutung des Ortes im 1. bis 4. Jahrhundert n.Chr. Man vermutete lange, dass im alten Ortskern von Worringen seit dem 1. Jahrhundert n.Chr. das aus den Schriftquellen bekannte Kastell „Burungum“ lag, in dem eine Kavallerieeinheit stationiert gewesen sein soll. Archäologische Hinweise auf ein Kastell oder die Anwesenheit militärischer Personen gibt es im Ort jedoch nicht.
Ein mächtiges Gussmauerfragment und mehrere Säulenfragmente, die 1896 beim Bau der Schule an der Stelle von Alt St. Pankratius entdeckt wurden, lassen sich weder mit einer Lagerarchitektur noch mit privaten Bauten wie einem Gutshof zusammenbringen.

Die Funde zeigen aber, dass dort seit dem späten 1. oder 2. Jahrhundert ein öffentlicher Großbau gestanden hat, der mit rund 5 m hohen Säulen ausgestattet war.Es dürfte sich um einen Tempel gehandelt haben. Auf ein römisches Heiligtum könnte auch ein 1808-1810 beim Schleifen des Kölnischen Tores gefundener Kalksteinblock hinweisen, der eine Weiheinschrift an Jupiter zum Wohl des Kaisers Antonius Pius und des Prinzen Marcus Aurelius trägt und daher zwischen 138 und 161 n.Chr. datiert werden kann. Gespendet wurde der Stein von Titus Flavius Firmus, einem Kommandeur (Praefekten) einer in Dormagen stationierten Reitereinheit.

 

Krüge
Krüge

Westlich dieses Gebäudes lag im 1. bis 4. Jahrhundert n.Chr. eine zivile Niederlassung von der nur geringe Reste erhalten sind.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurden überwiegend entlang der antiken Limesstraße (Alte-Neusser-Landstraße) zahlreiche römische Gräber gefunden, deren Grabbeigaben nur zum Teil erhalten sind. Reste römischer Bestattungen kamen auch nördlich der Kirche Alt St. Pankratius zutage. Außerdem sind „In den Bendengärten“ drei Körpergräber freigelegt worden, von denen eines einen qualitätvollen Glasbecher des 4. Jahrhunderts enthielt.

Glas
Glas

In der Worringer Gemarkung lassen sich mindestens zwei Gutshöfe (Villae rusticae) mit kostbarer Gebäudeausstattung nennen. Der eine lag am südlichen Innenrand des Worringer Bruchs in der Flur Eispohl, der andere nördlich des Further Weges, beiderseits der Bahntrasse Köln-Neuss. Der Wohlstand in dem die Besitzer dieser Anlagen lebten, macht es wahrscheinlich, daß der Reichtum nicht allein auf der Landwirtschaft beruhte. Es handelte sich entweder um begüterte Bürger der Provinzhauptstadt Köln (CCAA), oder um die Besitzer der Ziegeleien des näheren Umlandes.
Dort arbeiteten mehrere römische Ziegeleien, welche die Auenlehme als Rohstoff nutzten und ihre Ware über den Rhein kostengünstig verhandeln konnten.

Als Folge der Frankeneinfälle wurden seit der Mitte des 3. Jahrhunderts viele Gutshöfe aufgegeben. Niedergermanien blieb trotz der germanischen Überfälle bis in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts unter römischer Herrschaft. Anschließend ging das Land in fränkischen Besitz über. Auch aus dieser Epoche, der sogenannten Merowingerzeit (Mitte 5. bis frühes 8. Jahrhundert n.Chr.) sind in Worringen mehrere Fundplätze bekannt. Das Ortsgräberfeld wurde mehrfach zwischen St.-Tönnis-Straße und Pletschbach sowie westlich der Straße „Breiter Wall“ angeschnitten. Den Funden zufolge wurde auf dem Friedhof zumindest vom späten 5. bis zum frühen 7. Jahrhundert bestattet. Der zugehörige frühmittelalterliche Kern der Siedlung lag am Fronhof, wie Keramikfunde des 5./6. Jahrhunderts zeigen.

Aus dem Ortsgräberfeld ist das Grab eines 9- bis 11-jährigen Mädchens bekannt, das mit zwei kostbaren silbernen Scheibenfibeln und Almandinbesatz (Granate), Perlenkette, einem Gürtelgehänge mit zwei Metallringen und einem eisernen Messer, Beinkamm sowie einer Tonschale und einem Tonbecher zur Aufnahme von Speise und Trank als Wegzehr für das Jenseits ausgestattet war.

Fibel
Fibel

Hervorzuheben ist eine heute verschollene Goldmünze des fränkischen Königs Theudebert II., die zwischen 595 und 612 im französischen Arles geprägt worden ist.
Die teilweise hohe Qualität der Grabbeigaben zeigt, dass im frühmittelalterlichen Vorgänger von Worringen, erstmals erwähnt 922 in einer verfälschten Urkunde des Kölner Erzbischofs Hermann I. (889-924) als „Vuurnc“, vermögende Menschen gelebt haben. Der Grund hierfür und der relativ frühen Zeitpunkt der Niederlassung liegt in der strategischen Bedeutung des Platzes, an dem sich mehrere Altstraßen bündeln und zudem ein brückenartiger Übergang über den Pletschbach angenommen wird.

Zwei weitere merowingerzeitliche Fundstellen zeigen, dass die westlichen Zubringer zur Rheinlimesstraße auf antike Vorläufer zurückgehen. Bei der einen Fundstelle handelt es sich um eine Wüstung nahe dem Bergerhof. Bei Erdarbeiten wurde Ecke Hackhauser Weg/Grimlinghauser Weg ein Knickwandtopf des 7. Jahrhunderts geborgen, der aus einem Grabfund stammen dürfte.

Merowingerzeit
Krüge


Im hohen Mittelalter führte der Anstieg der Bevölkerung zur Ausweitung des Dorfareals innerhalb der mittelalterlichen Befestigung Worringens. Diese Grenzen der Besiedlung wurden – sieht man von den Domkapitularischen Höfen ab – bis zum frühen 19. Jahrhundert nicht überschritten. Die weiter westlich gelegenen merowingerzeitlichen Siedlungseinheiten am Hackhauser Weg und am Bergerhof sind erst im Zuge der jüngsten baulichen Entwicklung im Ortsbild aufgegangen.

Dr. Marcus Trier